Die neue Post und der Ex-Monopolist: Netzneutralität und der öffentlich-rechtliche Rundfunk

Die sogenannte Netzneutralität ist ein aktuell heftig umstrittener Diskussionspunkt zwischen den kommerziellen Anbietern von Internetzugängen und Internetdiensten sowie den klassischen, idealistisch motivierten Onlinern, die abwertend auch als “Netzindianer” bezeichnet werden.

Es geht hier darum, ob neben denjenigen, die einen Internetzugang beispielsweise der Telekom nutzen und dieser dafür ein Entgelt entrichten, auch die zur Kasse gebeten werden sollen, welche über diesen dann abrufbare Inhalte anbieten.

Für einen idealistisch motivierten Onliner ist dieser Gedanke völlig absurd: Er stellt Inhalte, beispielsweise Beiträge für die Wikipedia, eine private Website oder dieses Blog hier sowie die dahinter stehende Serverstruktur kostenlos zur Verfügung, um der Allgemeinheit zu helfen. Er verlangt also nichts für seine Dienste – wieso sollte er nun auch noch jemand anders etwas bezahlen, um diese Inhalte weiter anbieten zu dürfen?

Kabelgesellschaften sind jedoch schon seit Jahren darin geübt, auf beiden Seiten abkassieren zu wollen: Der Kabelkunde, also der Fernsehzuschauer, hat eine monatliche Gebühr zu zahlen – im Gegensatz zum Satellitenkunden, der, abgesehen von Pay-TV und den HD-Angeboten einiger kommerzieller Stationen, nur seine monatlichen Rundfunkgebühren zu zahlen hat. Doch auf Seite der Fernsehsender wollen die Kabelgesellschaften als sogenannte Einspeisungsvergütung ebenfalls Geld sehen, weil die Sender so ihre Reichweite erhöhen und der Kabelanbieter nach seiner Ansicht ihnen dazu seine Infrastruktur zur Verfügung stellt wie ein Sendernetzwerk.

Man kann das Ganze natürlich auch genau umgekehrt auffassen: Das Angebot der Kabelgesellschaft wird durch das Einspeisen möglichst vieler Programme überhaupt erst interessant! Ein Anbieter, der nur RTL, RTL II und Super RTL im Portfolio hat, dürfte nicht viele Kunden gewinnen. Also müßte eigentlich doch eher die Kabelgesellschaft den Sendern etwas zahlen, um deren Programm übernehmen zu dürfen?

Ähnliche Diskussionen gibt es nun beim Internetzugang. Hier geht es jedoch eher um eine Schnellstraße für kommerzielle Anbieter, um eine Priorisierung einzelner Angebote gegenüber anderen.

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Wie werden E-Books bei der VG Wort vergütet?

Eine häufig gestellte Frage. Doch völlig falsch gestellt. Die Antwort lautet nämlich: Überhaupt nicht!

Für die VG Bild-Kunst gilt dasselbe: Auch hier gibt es nichts für E-Books.

Hat man dort die Zeichen der Zeit verschlafen?

Nein, dass es für E-Books keine Vergütungen gibt, gar keine geben kann, liegt in der Natur der Sache: Autoren, die sich bei der VG Wort bzw. (als Fotograf oder eigene Fotos und Grafiken zu Artikeln zuliefernder Textautor) bei der VG Bild-Kunst registriert haben, bekommen von diesen ja nicht etwa Ausschüttungen, weil sie so nette Menschen sind oder ihre Texte bzw. Bilder so einzigartig sind.

Die Aufgabe der Verwertungsgesellschaften ist es vielmehr, für die Autoren die Zweitverwertungsrechte aus Kopien einzutreiben. Es ist also zunächst nicht der erneute Druck eines Werkes gemeint oder der Verkauf an weitere Medien, sondern die Zweitverwertung eines Artikels als Fotokopie, abgespeicherte Website etc., für die ein Autor ja normalerweise nichts erhält – im Gegensatz zur Erstverwertung (hoffentlich), der Lieferung an den Verlag, oder seiner eigenen Zweitverwertung erfolgreicher Beiträge.

Wenn es keine Kopien gibt, kann es auch keine Kopierabgabe geben

Damit hier überhaupt zu verteilende Einnahmen entstehen, gibt es die Abgaben auf Fotokopierer, CD-Rohlinge oder Drucker, über die auch viele Kollegen nichtsahnend schimpfen.

Doch nicht nur zu verteilende Einnahmen sind Voraussetzung für die Möglichkeit der Verwertungsgesellschaften, etwas an die Autoren auszuschütten. Ebenso zwingend notwendig ist es, dass Kopien der Werke überhaupt möglich sind.

Während dies bei Druckwerken und Websites unvermeidlich ist, verhält es sich bei E-Books anders: Diese haben in der professionell verkauften Variante (Kindle, Epub etc.) heute üblicherweise einen Kopierschutz, ein Digital Rights Management (DRM).

Und wo es keine Kopie für nichtzahlende Dritte gibt, kann natürlich auch keine Kopierabgabe an die Autoren verteilt werden!

Zwar gibt es auch E-Books ohne DRM, doch landen diese sehr schnell auf russischen Tauschbörsen und werden seitens der Verlage daher normalerweise nicht angeboten.
Sollten sich doch noch E-Book-Formate ohne DRM am Markt durchsetzen, würden die Verwertungsgesellschaften auch eine Vergütung einführen. Aktuell ist dies jedoch nicht zu erwarten.

Heft-CDs sind ein weiteres, unabhängig vergütungsfähiges Medium

Doch es gibt ein anderes, im Gegensatz zur Website meist übersehenes elektronisches Medium, das tatsächlich sowohl bei VG Wort als auch VG Bild-Kunst zusätzlich gemeldet werden kann: Die „Heft-CD“. Texte oder Bilder, die ein Autor zu dieser zuliefert, sind selbstverständlich meldefähig. Und dies gilt für eine CD-ROM mit eigenständigen Inhalten oder Ergänzungen zu den gedruckten Beiträgen ebenso wie für eine „Jahrgangs-CD“, die ein 1:1-Archiv aller Beiträge des Printmediums aufweist.

Es spielt dabei für die Vergütungsfähigkeit keine Rolle, ob diese CD-ROM dem Heft kostenlos beiliegt, als „Plus-Abo“ Aufpreis kostet, prinzipiell nur Abonnenten als „Jahresgabe“ zugeschickt wird oder auch ganz unabhängig vom Heft verkauft wird.

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Python für Anfänger

Es ist eine alte Diskussion, ob man, wenn man Datenjournalismus betreiben will, auch programmieren können muss. Bis vor kurzem war ich ja der Meinung, dass man zumindest Excel können sollte. Aber Excel stößt auch rasch an Grenzen bei sehr großen Datenbanken. Da ist Python das Werkzeug der Wahl.

Wer also selbst Hand anlegen möchte, dem sei zur Einführung dieser derzeit 43-teilige Youtube-Einsteigerkurs empfohlen. Python-Lehrer Bucky erklärt so einfach und ist damit so erfolgreich, dass er seit kurzem Vollzeit nur noch Online-Lehrer per Youtube ist – und sich natürlich auch noch anderen Themen widmet. Zum Nachlagen sei die MITOpenCourseWare ans Herz gelegt.

 

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Engagement ist nicht selbstverständlich

Auf einem kleinen Zettel habe ich mir notiert, was mir in meinen Nachgedanken zu Robin Meyer-Lucht in den Sinn kam:

Knotenpunkt & Übersetzung, Wissenschaft & Praxis, Energie & Aufmerksamkeit, Inspiration & Utopie

Er fiel mir als erstes in den Monaten vor der Carta-Gründung auf. Immer wieder erschienen kluge Texte und Interviews mit ihm über den digitalen Medienwandel, in denen er die Knackpunkte der Entwicklung klar benannte. Damals googelte ich seinen Namen und stieß nur auf eine recht dürre Website seines “Berlin Institutes”. Heute ist das ganz, ganz anders.

Irgendwann googelte ich wieder, da ich irgendwie erwartete, dass er mindestens ein eigenes Blog starten würde – und siehe da: Eine halbfertige Homepage kam mir entgegen – mit dem etwas wahnwitzigen, weil so umfassenden Namen “Carta”. Ich schrieb eine kleine Notiz.

In den darauf folgenden Tagen wollte ich ein Interview mit ihm machen. Wir telefonierten, ich versuchte mitzuschreiben und gab auf. Einerseits durfte ich vieles nicht aufschreiben, weil es noch in Überlegung war, oder weil es eine Einschätzung war, die er so dann nicht gedruckt lesen wollte. Andererseits interessierte er sich lebhaft für die Erfahrungen, die ich mit KoopTech gemacht hatte.

Ich empfahl ihm Rivva als Resonanztool und die VG-Wort-Zählpixel als kleine Einnahmenquelle. Zeigte mich jedoch sehr skeptisch, was seine Refinanzierungspläne durch Werbung anbelangte. Auch warnte ich davor, wie zeitraubend so ein Blog sein kann und dass er die damit verbundene Arbeit nicht unterschätzen dürfe. Das eine nahm er interessiert auf, das andere ignorierte er wohlweislich. Darüber bin ich ihm recht dankbar.

Eine angedachte gründliche Analyse des deutschen Verwertungssystem haben wir übrigens nicht einmal im Ansatz geschafft. Er wollte nicht reformieren, sondern das System von Grund auf neu denken.

Ein paar Wochen später, als Carta richtig durchstartete, gratulierte ich ihm zu seinem Erfolg – und merkte an, dass ich es sehr schätzte, mit wieviel Aufwand er sein Gruppenblog betrieb. In seiner Antwort erwähnte er nur bescheiden, dass er ja inzwischen einen Redaktionsassistenten habe, der viel Arbeit übernehme. Und nahm mir gleich einen Crosspost ab. Meine Bemerkung, dass der Assistent ja nicht alles machen könne, blieb unkommentiert.

Ich habe den Verdacht, dass nur wenige wissen, wie viel Arbeit und wie viel Energie mit einem solchen Projekt verknüpft sind. Es erfordert eine ständige Aufmerksamkeit für die Publikationen rundherum, nicht nur im Netz, sondern auch in den einschlägigen Fachzeitschriften. Es verlangt Fingerspitzengefühl und Geduld, die Autoren zu gewinnen, die Texte zu überarbeiten. Und immer wieder auf neue Artikel hin anzusprechen. Und schließlich Energie und Leidenschaft, um die Debatten anzuschieben und zu begleiten, ständig präsent zu sein. Daneben ist nicht viel anderes noch möglich.

Er agierte dabei immer auch als Knotenpunkt, als Brückenbauer zwischen der akademischen Welt und der journalistischen Praxis, in der er selbst Learning-by-doing die ersten Erfahrungen sammelte. Indem er wissenschaftliche Aufsätze vom Papier befreite, um sie in sein Debattenforum zu überführen, schuf er für die Medienwissenschaft eine sehr lebendige Öffentlichkeit. Er zeigte, was möglich ist, wenn man eine Fachöffentlichkeit engagiert pflegt – und gezielt Meinungen und Positionen aufeinander prallen lässt. Wie spannend die Diskussionen werden können, und wie rasch sich neue, noch ungelöste Fragen ergeben.

Das Ende von Carta führte aber auch vor, dass so etwas nicht auf dem Engagement eines Einzelnen beruhen kann, sondern, wenn nicht von vielen, zumindest institutionell gestützt werden sollte. Es ist jammerschade, dass Institutionen nicht von sich aus an Robin Meyer-Lucht herangetreten sind, um seine unabhängige Arbeit zu unterstützen.

Robin Meyer-Lucht hat gezeigt, wie viel man für eine medien- und netzpolitisch interessierte Öffentlichkeit in kurzer Zeit mit großem Engagement, mit Energie und einer persönlichen Utopie erreichen kann. Und er zeigte auch, welche Lücken es noch gibt, wie vieles ungelöst ist, und wo überall engagierte Menschen gebraucht werden, die als kompetente Brückenbauer agieren.

Engagement ist nicht selbstverständlich, es ist immer ein Geschenk. Danke dafür!

Gesammelte Nachrufe gibt es natürlich bei Carta zu lesen.

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Trolldebatte aus Schweden

In der SZ ist heute ein sehr interessanter Gastkommentar des schwedischen Journalisten Leo Lagercrantz zu lesen, der sich über Jahre von einem wohl bekannten politischen Leitartikler zu einem enthusiastischen Online-Debatten-Initiierer entwickelte – und heute eine konsequente Kommentarzensur befürwortet. Anders sei nämlich frauenfeindlichen, rechtsradikalen Trollen nicht beizukommen, die ja nur mal etwas sagen dürfen wollen.

Lagercrantz sieht in dem – für ihn offenkundigen – Versagen, im Netz eine gepflegte Diskussionslandschaft ohne größere Eingriffe in die Leserkommentare herzustellen, mit einen Grund dafür, dass rechtspopulistische Ideen zunehmend gesellschaftliche Akzeptanz erfahren. Der Oslo-Attentäter sei vermutlich der erste Troll gewesen, der zur Waffe gegriffen habe. Sein eher bitteres Fazit lautet daher:

Persönlich verstärkte das Massaker in Norwegen mein Gefühl, gescheitert zu sein. Nicht weil ich “zensierte”. Sondern weil ich es nicht früher und entschlossener tat.

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Thrive – Magazin zu globalen Fragestellungen

Ulrike Reinhard bat mich vor wenigen Wochen, an ihrem neuen Magazin “Thrive” mitzuwirken, das sie für das Global Economic Symposium (GES) gemacht hat, das von der Bertelsmann-Stiftung organisiert wurde. Sie verfolgte dabei ein interessantes redaktionelles Konzept: Zu einzelnen Fragestellungen wie “Open Innovation” forderte sie Experten aus verschiedenen Weltecken auf, Stellung zu nehmen. Die Antworten oder Kommentaren zu ihren Fragen bzw. Thesen notierten diese auf diversen Etherpad-Seiten, die ich dann für drei Themenkomplexe zu einem lesbaren Text zusammenfassen sollte.

Ich war erstaunt, wie gut das klappte – inhaltlich fand ich es höchst spannend, weil Denkweisen aus Europa und Asien aufeinanderprallten, insbesondere bei den Themen Patente, Piraterie und Open Innovation. Besonders kontrovers wurde es, als ausgehend von einem Essay von Peter Glaser darüber nachgedacht werden sollte, ob die Menschen über das Netz jemals zu einem gemeinsamen Regelkodex finden können. Hier das wirklich lesenswerte Ergebnis – das auch als Druckwerk erscheint:

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Technopolitics

In diesem Artikel wird zunächst das Projekt Technopolitics kurz vorgestellt, was als Hintergrundinformation zur bevorstehenden Veranstaltung Technopolitics@Codedcultures am 27. September in Wien dienen soll. Im zweiten Teil werden konkrete Inhalte der Veranstaltung angesprochen. Es geht darum, über den Bildschirmrand der Informationsgesellschaft hinauszusehen und zu verstehen, inwiefern die Informationsgesellschaft mit konkreten und materiellen Entwicklungen – wie etwa Energie- und Umweltproblematik – in Verbindung steht.

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Buen Vivir und Commons – zwei Konzepte, eine Richtung

Gutes Leben. Buen Vivir. Sumak Kwasay. Wer wollte das nicht? Gut leben! In Lateinamerika wird das Konzept des Buen Vivir gerade intensiv diskutiert.  Insbesondere in den Andenländern Bolivien und Ecuador, wo es weniger darum geht, in der Sonne zu liegen und sich den Bauch zu kratzen.

Wie intensiv die Idee des Buen Vivir  gelebt wird oder gelebt werden kann, ist mir noch nicht wirklich klar. Die ILA hatte mich gebeten, einen Artikel zum aktuellen Schwerpunkt beizusteuern, denn die Redaktion fand: Da gäbe es„zwei sich ergänzende Konzepte jenseits der Verwertungslogik“. Commons und Buen Vivir. Stimmt. Ich habe also zugesagt, und teile hier das Ergebnis:
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Facebook macht kindisch

Facebook LikeIn der Psychologie bezeichnet “Projektion” einen Abwehrmechanismus, bei dem eigene innere Konflikte auf andere Menschen oder Objekte übertragen werden. Dass gerade Facebook als prominenteste, weil am häufigsten genutzte Social Media Plattform ein passendes Objekt für solche Projektionen darstellt, kann nicht erstaunen: jugendliche Facebook-Nutzer konsumieren öfter Drogen, Eltern vergessen auf Facebook ihre Vorbildfunktion, Facebook macht uns zu Kindern, “schluss machen” via Facebook ist in Mode. Ein Kuriositätenkabinett.

Facebook und Drogenkonsum

Eine Studie an der US-amerikanischen Columbia-University besagt, dass Teenager, die soziale Netzwerke nutzen, häufiger trinken, rauchen und illegale Substanzen konsumieren als ihre Online-abstinenten Altersgenossen. Angeblich rauchen jugendliche Facebook-Nutzer fünf Mal häufiger, trinken drei Mal häufiger Alkohol und kiffen doppelt so oft wie internet-abstinente Jugendliche. Als Grund dafür führt die Studie an, dass Jugendliche auf Facebook und Co. deutlich häufiger Fotos von betrunkenen oder anderweitig beeinträchtigten Altersgenossen sehen.

Kritiker werfen der Studie u.a. vor, dass die Autoren andere Faktoren nicht berücksichtigt haben. Es liege der Verdacht nahe, dass es einen versteckten Faktor gibt, der zu der Korrelation zwischen Drogenkonsum und Social-Media-Verwendung führt.

Eltern werden bei Facebook wieder zu Teenagern

Laut der University of Guelph in Kanada hängen Eltern bei Facebook ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre Rolle als Vorbilder gerne an den Nagel. Im Social Web verhalten sie sich vielmehr wie ihre eigenen Kinder. Ihr Online-Verhalten unterscheidet sich dabei kaum von dem des eigenen Nachwuchses und unterliegt den Erkenntnissen nach den gleichen psychologischen Faktoren. Auf Facebook teilen sie nicht nur persönliche Informationen genauso freizügig wie ihre Nachkommen, sondern auch die möglichen Konsequenzen dieses Tuns ist ihnen sogar weniger bewusst als jüngeren Usern.

Facebook macht kindisch

In die selbe Kerbe haut auch Susan Greenfield, Hirnforscherin der Oxford University. Facebook habe eine Generation von Selbst-Besessenen geschaffen, die nur zu kurzen Momenten der Aufmerksamkeit fähig sind und wie Kleinkinder ständig Rückmeldung einfordern. Statusmeldungen über die eigenen Frühstücksgewohnheiten etc. erinnern laut Greenfield stark an ein kleines Kind, das von der Mutter die Rückversicherung verlangt: “Schau Mama, was ich gerade mache!” Grundlage dieser Infantilisierung seien existenzielle Probleme der Nutzer, ist Greenfield überzeugt.

Bedenklich sei die Situation deshalb, da das auf Klicks und Kontakte ausgerichtete Leben ebenso wie exzessives Computerspielen das Gehirn neu “verkabeln”. Speziell Jugendliche hätten immer häufiger ein Problem damit, beim Gespräch den Blickkontakt zu halten oder die Stimme und Körpersprache des Gegenübers richtig zu deuten. Die langen Online-Zeiten förderten – Autisten gleich – einen Rückgang der Empathiefähigkeit.

“Schluss machen” via Facebook in Mode

Die Boston Public Health Commission sah sich jüngst gar genötigt, eine Diskussionrunde mit High-School-Schülern darüber zu organisieren, wie man am besten eine Beziehung auf Facebook beendet und wie man das anstellt, ohne weiterhin ständig die Fotos des Ex-Partners sehen zu müssen.

Schön, dass wir keine grösseren Probleme zu lösen haben …

Crosspost

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Scraping: Ist das Kopieren von Daten aus dem Netz erlaubt?

Warum wir dringend eine Regulierung für Scraper brauchen. ‘Scrapers’ Dig Deep for Data on Web – „Scraper“ graben tief für Daten im Web – so lautet der Titel eines englischsprachigen Artikels auf der Webseite des Wall Street Journal (WSJ). Auf rund 14.000 Zeichen beschreiben die Autoren Julia Angwin und Steve Stecklow den boomenden Datenhandel und die damit verbundenen Konflikte.

Mit „scraping“ ist das Kopieren von Daten aus dem Netz gemeint. „Screen scraping“ etwa bezeichnet das automatische Auslesen von Webseiten. Doch was bedeutet das, warum ist das so wichtig und was ist so bedenklich daran?

Zunächst einmal zur wirtschaftlichen Bedeutung von Scraping: Das aufstrebende Geschäft von Scraping im Internet bildet eine Grundlage für einen rasch wachsenden Datenhandel. Marketers gab 7,8 Milliarden US-Dollar für Online-und Offline-Daten im Jahr 2009 aus, berichtete die New Yorker Unternehmensberatung Winterberry Group LLC. Die Ausgaben für den Kauf von Daten aus dem Internet sollen sich von 410 Millionen US-Dollar im Jahr 2009 auf 840 Millionen US-Dollar im Jahr 2012 verdoppeln. (Freie Übersetzung aus dem WSJ-Artikel)

Damit ist die ökonomische Relevanz schon einmal gegeben. Doch was bedeutet das in der Praxis? Derzeit schießen Datenunternehmen wie Pilze aus dem Boden und betreiben den florierenden Handel mit umfangreichen Datensätzen. Dass manche dabei in einem ungesunden Maße über sich hinaus wachsen, ist die Folge von fehlenden juristischen Restriktionen.

Das Kopieren von Daten im Internet ist nämlich nach wie vor eine juristische Grauzone, weshalb derzeit munter gescrapt wird, was zu holen ist. Leider machen einige Scraper auch vor geschützten Räumen wie privaten Foren keinen Halt. So wurde im vergangenen Jahr etwa das Forum von PatientsLikeMe.com gescrapt – von niemand geringerem als dem weltweit agierenden Marktforschungsunternehmen Nielsen.

Ein Screenshot der Webseite von PatientsLikeMe (Bild: patientslikeme.com)

PatientsLikeMe: Das Forum wurde von Nielsen Company gescrapt (Bild: patientslikeme.com)

Nielsen Companys Aktivitäten flogen nur kurze Zeit später auf. Das niederländische Marktforschungsunternehmen hatte es zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits geschafft, etliche Forenbeiträge zu hochsensiblen Themen wie manisch-depressiver Erkrankung oder emotional instabile Persönlichkeitsstörung zu kopieren. Aus ihrer Datenbank seien die Daten nun leider nicht mehr löschbar, hieß es.

Immerhin beteuerte das Unternehmen, in Zukunft keine Daten mehr von geschützten Räumen im Internet scrapen zu wollen. Aber was ist mit den zahlreichen anderen Unternehmen? Nielsen Company ist mit seiner Vorgehensweise sicher kein Einzelfall. Doch verbindliche Richtlinien oder einen Ethikkodex gibt es bislang genauso wenig wie regulierende Gesetze.

Wie begründen Unternehmen solche Vorgehensweisen überhaupt? Dazu drei Argumente aus dem WSJ-Artikel:

  1. Viele Scraper und Datenhändler argumentieren, wenn diese Informationen online verfügbar sind, sei es ein faires Spiel – ganz egal wie persönlich.
  2. „Diese Daten sind da draußen“, sagt Herr Adler [Datenschutzbeauftragter von Intelius, eine führende Webseite für bezahlte Personensuchen, Anm.]. „Wenn wir die Daten nicht zu den Nutzern bringen, wird es jemand anderes tun.“
  3. Scraper (…) sagen, was sie tun sei nichts anderes als was eine Privatperson tut, wenn sie Informationen online sammelt – sie täten es lediglich in viel größerem Maßstab.

Reicht das aus, um einfach ungefragt Daten von Webseiten zu kopieren; um sie – im Falle von Unternehmen – anschließend weiterzuverkaufen? Legitimieren diese Argumente solche Vorgehensweisen wie die von Nielsen Company?

Dass auch im Internet nichts wirklich kostenlos ist und Nutzer dort mit ihren Daten zahlen, dürfte den meisten mittlerweile hoffentlich klar sein. Aber dann sollten sie im Falle eines Datenverkaufs auch wenigstens genauso deutlich vorher darauf hingewiesen werden wie es bei Amazon und Co. mit der Auskunft der Gesamtsumme am Ende der virtuellen Kasse üblich ist. Und nein, ein versteckter Hinweis in schwer verständlichen Datenschutzrichtlinien – die im Falle Facebooks länger als die Verfassung der Vereinigten Staaten sind – reicht da beileibe nicht aus.

Der Artikel entstand im Rahmen eines Seminars zu Daten-Journalimus an der Hochschule Darmstadt. Dozent Christian Kreutz.

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